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KONZEPT · DER LANGE LESESTOFF

Ein Netz, das
ohne Netz auskommt.

Wir bauen ein Diskussionsforum, das über Funk läuft statt über das Internet. Kleine Geräte reichen Beiträge von Gerät zu Gerät weiter — quer durch eine Stadt, über Kilometer, ohne Mobilfunk, ohne WLAN, ohne Rechenzentrum. Das klingt nach Notfallausrüstung. Ist es aber nicht. Es ist der Versuch, eine bestimmte Art von Gespräch zurückzuholen, die wir verloren haben.

TEIL 1

Was früher da war

Die MAUS

Ende der Achtziger, lange vor dem Internet, gab es in Deutschland ein Netz namens MAUS. Man wählte sich per Modem ein — dieses Kreischen und Rauschen, das ältere Leute noch im Ohr haben —, lud sich die neuen Beiträge herunter, legte auf, und las offline in Ruhe. Antworten schrieb man ebenfalls offline. Beim nächsten Einwählen gingen sie raus.

Das Telefonat kostete Geld pro Minute. Also war man kurz. Und weil das Lesen und Schreiben ohnehin offline passierte, war man gründlich. Die Beiträge lagen auf sogenannten Brettern — thematisch sortiert, wie schwarze Bretter in einem Flur. Jeder abonnierte nur die Bretter, die ihn interessierten.

Was daran gut war · 1

Die Diskussion hatte eine Form

Jeder Beitrag wusste, auf welchen er antwortete. Daraus entstand ein Baum: eine Frage, drei Antworten, auf jede wieder Antworten. Man konnte einem Gedankengang folgen, auch wenn er sich verzweigte — anders als in heutigen Chatverläufen oder Kommentarspalten.

Was daran gut war · 2

Die Kürze war erzwungen

Nicht weil jemand Regeln aufgestellt hatte, sondern weil Zeit im Wortsinn Geld kostete. Wer schwafelte, zahlte dafür. Dann kam das Internet, Bandbreite wurde praktisch kostenlos — und mit der Kostenlosigkeit verschwand der Grund, sich kurz zu fassen.

TEIL 2

Was heute möglich ist — LoRa

Eine Funktechnik, gebaut für das Gegenteil dessen, was Mobilfunk kann. Frei nutzbar, ohne Lizenz, ohne Vertrag, ohne Anbieter.

 MobilfunkLoRa
Datenmengeriesigwinzig
Reichweitewenige Kilometermehrere Kilometer, teils zehn
Stromverbrauchhochso gering, dass eine Batterie Jahre hält
Braucht Infrastrukturja, Sendemastennein

Der Haken hat es in sich: Sie ist unfassbar langsam.

Ein einzelnes Foto zu übertragen würde Stunden dauern. Und es gibt eine gesetzliche Grenze — jedes Gerät darf nur 1 % der Zeit senden, damit das Funkband für alle nutzbar bleibt. In Zahlen: etwa 700 Nachrichten pro Tag und Gerät. Das ist alles.

TEIL 3

Die eigentliche Idee: der Trick mit dem Pieper

Der offensichtliche Weg funktioniert nicht. Man könnte jeden Beitrag über Funk schicken — bei 700 Nachrichten pro Tag ist damit schnell Schluss. Ein langer Text, und der Tag ist gelaufen, für alle im Umkreis.

Der Trick: Wer sich an die Neunziger erinnert, kennt Pager. Kleine Kästchen am Gürtel, die piepten und eine Telefonnummer anzeigten. Der Pager übertrug nie eine Nachricht — er sagte nur „Ruf zurück." Fast keine Funkkapazität. Genau darin lag sein Trick. Wir machen es genauso: Über Funk geht nur eine winzige Meldung — „neuer Beitrag in Brett X, hier die ersten 40 Zeichen, und hier seine Adresse." Der eigentliche Text liegt woanders, abrufbar sobald das Gerät das nächste Mal WLAN sieht.

Die Funkkosten hängen davon ab, wie oft etwas passiert — nicht davon, wie viel übertragen wird.

Diese Meldung ist immer gleich groß — egal, ob der Beitrag zwei Zeilen hat oder zwanzig Seiten. Damit ist die Grenze plötzlich verhandelbar. 700 Meldungen am Tag sind für ein Stadtviertel-Forum reichlich.

Und die kurzen Beiträge?

Wer sich auf 140 Zeichen beschränkt — SMS-Länge —, dessen Beitrag passt komplett in die Funkmeldung. Kein Nachladen, sofort lesbar, überall.

Kurzer Beitrag → wird von allen gelesen Langer Beitrag → nur die mit Internet

Das ist der Kern der Sache. Die MAUS erzwang Kürze über Telefongebühren. Wir erzwingen sie über Publikum. Beides funktioniert, weil es keine Vorschrift ist, sondern eine Tatsache.

TEIL 4

Warum das eine gute Idee ist

1

Es ist kein Twitter

Twitter hatte nie Struktur — alles in einem Strom. Bei uns weiß jeder Beitrag, auf welchen er antwortet: aus 140-Zeichen-Häppchen wird ein lesbarer Baum. Und weil kein Platz für Zitate ist, verschwinden die Beiträge, die zu 90 % aus dem bestehen, worauf sie antworten.

2

Es gehört niemandem

Kein Server zum Abschalten, keine Firma, die Regeln ändert, kein Algorithmus. Die Geräte gehören denen, die sie aufs Dach gestellt haben. Fällt eines aus, sucht sich die Nachricht einen anderen Weg. Kein Ort, an dem man einen Hebel ansetzen könnte.

3

Es läuft, wenn nichts läuft

Solar und Batterie. Bei Stromausfall, im Funkloch, bei überlastetem Netz läuft es weiter. Aber: wir bauen kein Notfallsystem — ein Netz, das nur im Katastrophenfall läuft, ist im Katastrophenfall kaputt. Wir bauen etwas für den Alltag, das im Notfall nicht ausfällt.

4

Es zwingt zum Denken

Wenn Reden nichts kostet, wird viel geredet. Wenn jeder Beitrag Funkbudget belegt, das jemand anderes dann nicht hat, überlegt man vorher, ob man wirklich etwas zu sagen hat. Derselbe Mechanismus, der die MAUS gut machte — diesmal absichtlich eingebaut.

EHRLICH

Was das Ganze nicht ist

Ehrlichkeit gehört dazu, sonst ist es Werbung.

Es ersetzt kein Forum

Wer Internet hat, hat es besser. Das hier ist etwas anderes, kein Ersatz.

Es ist langsam

Ein Beitrag braucht Minuten bis zum Nachbarn, Stunden bis ans andere Ende der Stadt. Wie 1991 — nur dass damals das Modem schuld war und heute das Gesetz.

Es ist Text

Keine Bilder, keine Videos, keine Dateien. Wer das braucht, ist hier falsch.

Es hat einen sozialen Haken

Wer nie Internet hat, liest nur die kurzen Beiträge und von den langen bloß den Anfang. Zwei Klassen in derselben Diskussion — ob das stört, muss ein echter Feldtest zeigen.

STAND

Wo wir stehen

Das Konzept ist fertig durchdacht. Was aussteht, ist eine Messung, die alles Weitere entscheidet.

Wie viel Funkbudget frisst die zugrundeliegende Software für ihre eigene Verwaltung, bevor überhaupt eine Nachricht fließt? Wenn die Antwort „wenig" lautet, ist der Weg frei. Wenn sie „viel" lautet, muss ein Teil des Entwurfs neu gebaut werden.

Zwei Funkgeräte, ein Wochenende. Das ist der nächste Schritt — und man will diese Zahl kennen, bevor irgendjemand Code schreibt. Wie das technisch aussieht, steht in der Architektur & Transport.